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Filmwerkstatt: Continuity

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Film zeigt die Wirklichkeit – 25 Mal in der Sekunde. Doch was, wenn die Filmbilder durcheinanderkommen? Die filmische Chronologie trennt die Spreu vom Weizen der Filmemacher. Beim dokumentarischen Videofilmen ist es der Autor oder Redakteur, der zu jeder Sekunde seines Werkes prüfen muss, was er dem Zuschauer schon erzählt hat – und was dieser noch nicht weiß.
 

Beim Spielfilm ist es in der Regel der Drehbuchautor, der zusammen mit dem Regisseur das Storyboard führt. Was da nicht skizziert ist, das erfährt der Zuschauer nicht.
Die Chronologie hat eine journalistische und eine filmtechnische Seite. Journalistisch mag dem Dokumentaristen - auch wenn er nur seinen Urlaub in Szene setzt – die 6 W – Regel weiterhelfen: Er fragt sich einfach: Wer handelt, Was wird erzählt, Wann und wo handeln die Szenen, Wem erzähle ich die Geschichte und Wozu mache ich das Ganze, was ist meine Eigenmotivation. Diese Fragen kurz auf einen Zettel notiert und eine kurze Antwort zu jedem W genügen, um mit seinem Werk nicht völlig im Nirvana zu landen. Dass dies auch wenn alle W-Themen gedreht wurden, nicht leicht ist, zeigen Fernseh-Dokus. Häufig fragt sich der Zuschauer noch nach einer Viertel-Stunde wo denn die Geschichte gerade spielt, oder wohin die Story führen soll. Genauso ungeschickt: Die Story springt zu diversen Handlungsorten – und dann wieder zurück zu Orten, die der Zuschauer im Geiste bereits abgehakt hat. Dann kommt die Handlung buchstäblich nicht vom Fleck. Bleiben als Quintessenz also 2 W übrig, die ständig neu formiert sein wollen: Was zeige ich wo!

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Beispielsequenz: Als erstes wird der Ort an dem das musikalische Wunderkind lebt eingeführt.
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Beispielsequenz: Der Zuschauer erfährt, was in der schwarzen Tasche ist.

Und hier krankt es: Die Wirklichkeit hat dem Filmer an einem Drehort eine traumhafte Sequenz beschert, mit wundervollen Protagonisten – alles stimmte, eine Stunde Material war schnell im Kasten. Eine andere Sequenz an einem andren Ort klappte dagegen überhaupt nicht – oder schlimmer noch – sie sah gelungen aus, gibt aber beim Schnitt nichts her. Womöglich kamen Aufnahmeprobleme, Continuityfehler oder Vergesslichkeiten dazu – futsch. Das führt dann im fertigen Film zu den Lücken in der Chronologie oder dazu, dass sich der Film viel zu lange an einer Stelle aufhält, und für Unwichtiges Zeit verbraucht, die an anderer Stelle fehlt.
Die filmtechnische Seite der Chronologie liegt darin begründet, dass jede Aktion an einem Drehort wieder eine kleine Geschichte in sich ist. Jeder Protagonist braucht eine Einführung, damit er nicht wie Kai aus der Kiste beim Interview erscheint. Jeder braucht zu dem was er redet oder behauptet Belegbilder. Also: Steht unter dem Interviewten Heiner Meier: Schmied, dann will ihn der Zuchauer auch in dieser Funktion sehen. Redet er darüber, wie Pferde beschlagen werden, dann muss er das auch tun. Dies gibt dann später beim Schnitt die Insertbilder zum Interview. Stimmt die Chronologie zwischen Text, Ton und Bild nicht hundertprozentig überein, ergeben sich Missverständnisse. Die gefürchtete Text/Bild Schere.
Einfaches Beispiel: Text: Zum Frühstück besuchten uns am Campingplatz Spatzen und diebische Elstern. Bild: Es sind Spatzen zu sehen, die Elster war am Filmtag leider nicht anwesend, dafür läuft die Erbtante durchs Bild. Wirkung: Sofortige Enterbung, sollte die Betroffene das Werk zu Gesicht bekommen.